Öko-Landwirtschaft in Baden-Württemberg

Mehr Qualität aus der Heimat

Das Ministerium für ländlichen Raum bezuschusst die Arbeit in neun Bio-Musterregionen für drei Jahre. Eine Verlängerung ist denkbar.
  • Radieschen in einer Gewächshausanlage: Die Vermarktung solcher Öko-Produkte spielt bei den Bio-Musterregionen eine zentrale Rolle. Foto: Patrick Seeger/dpa
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Bevor Franziska Frey (26) ihre Stelle angetreten hat, konnten die Agraraktivisten in Hohenlohe den offiziellen Start als „Bio-Musterregion“ kaum erwarten. „Die Leute standen schon ungeduldig vor der Tür“, stellte die Regionalmanagerin vor gut einem Monat fest. Die Agrarwissenschaftlerin möchte nun gemeinsam auch die Fortbildung der Landwirte voranbringen. Neben Ökothemen stehen Persönlichkeitsentwicklung und Rhetorik auf dem Stundenplan. Bauern sollen ihre Leistung besser verkaufen können.

Die Kommunikation zwischen Stadt und Land sei ein zentraler Punkt des Förderprogramms, erklärt Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU) beim Start in Kirchberg/Jagst. Sie mache sich Sorgen, weil die Dankbarkeit gegenüber Bauern für deren Arbeit nicht mehr existiere. Die ökologischen Experimentierzonen sollen aufzeigen, dass die Landwirtschaft wichtig sei für die Biodiversität. Verbraucher sollen mehr nach regionaler Qualität greifen.

Nach dem Vorbild von Hessen und Bayern hat Baden-Württemberg das Projekt festgelegt. Drei Jahre lang wird die Koordination mit jährlich 100 000 Euro bezuschusst. Ziel sei „die Verbesserung der regionalen Vermarktung – insbesondere von Biolebensmitteln“, steht in den Bedingungen.

„Das ist eine wirklich tolle Stelle“, sagt Marion Mack (30), Projektmanagerin in Pforzheim. Seit Oktober 2018 bringt die Expertin für Ökolandbau „das regionale Bio“ voran, „es läuft gut“. Bei Informationen in stets vollen Räumen konnte sie vier konventionell wirtschaftende Bauern zum Umstieg bewegen: „Das ist relativ viel bei bisher 59 Biobetrieben im Enzkreis.“ Damit liege die Bio-Quote jetzt bei 13,5 Prozent, 20 Prozent bis 2025 hält sie für wahrscheinlich.

Als „großes Nadelöhr“ hat sie die beschränkten Kapazitäten bei der Verarbeitung der Agrarprodukte ausgemacht. Mühlen, Metzgereien und Gastronomie, darunter die Außerhausverpflegung, hätten häufig zu wenig Platz. Dabei möchte Mack den Selbstversorgungsgrad aus biologischer Produktion vom Fleisch über Getreide bis hin zu Kartoffeln und Eiern „signifikant erhöhen“.

Mit Aufsehen erregenden Aktionen wie einer „Schnippeldisco“ steigert die Ernährungswissenschaftlerin Johanna Böll (28) in der Bio-Musterregion „Heidenheim plus“ die Wertschätzung für heimische Kost. Bei Landwirten und Händlern wurden zwei Säcke mit Kartoffeln, acht Kisten voller Gemüse und ein Haufen Brot eingesammelt, die nicht verkauft worden waren. Zu Partymusik schnitten 40 Gleichgesinnte alles klein, brutzelten in zwei riesigen Pfannen rund 150 Portionen. Die Regionalmanagerin, zuständig für den Kreis Heidenheim und die Ostalb-Kommunen Bartholomä, Essingen, Heubach, Neresheim, Oberkochen, möchte diese Gemeinschaftsleistung durchaus als Protest verstanden wissen. Denn krumme Karotten oder Obst mit Dellen würden aussortiert, „weil sie unseren hohen Ansprüchen nicht genügen“.

Als Erfolg der Vernetzung wertet die Regionalmanagerin eine Umstellung bei der Brauerei Hald in Dunstelkingen. Die 20 Tonnen Bio-Braugerste für das Härtsfelder Bier kommen nun nicht mehr aus ganz Deutschland, sondern vom Kornkreis, einer lokalen Erzeugergemeinschaft von 50 Bauern mit Sitz in Herbrechtingen.

„Positive Atmosphäre“

Bei der Zusammenarbeit mit Erzeugern, Verarbeitern, Händlern, Gastronomen und Verbrauchern sei „eine motivierte und positive Atmosphäre spürbar“, freut sich Rainer Grimminger (39) in der Bio-Musterregion Bodensee. Erste Projekte etwa in der Gemeinschaftsverpflegung und der Gastronomie hätten die Startphase erreicht. „Man braucht einen langen Atem, aber ich bin sehr zuversichtlich“, versichert der studierte Forstingenieur.

In Ravensburg ist die Stärkung der Bio-Region ins Stocken geraten. Die Regionalmanagerin hat gekündigt. „Das ist sehr bedauerlich“, sagte Franz Hirth, Sprecher des Landratsamtes. Das Landwirtschaftsamt soll bis zur Reglung der Nachfolge einen Teil der Arbeit auffangen.

Nach drei Jahren soll die Förderung durch das Land offenbar nicht abrupt enden. Im Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz sei eine zeitliche Verlängerung, möglicherweise auch eine räumliche Ausdehnung „in Vorbereitung“, hieß es auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE. Aber eine Entscheidung sei noch nicht gefallen.
© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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