Flaute statt Frühjahrsbelebung

Internationale Handelskonflikte bremsen die Wirtschaft im zweiten Quartal. Das trifft auch den exportorientierten Südwesten.
  • Die deutsche Wirtschaft schrumpft. Foto: Grafik: SWP
Die exportorientierte deutsche Wirtschaft hat im Frühling eine Vollbremsung hingelegt. Belastet von internationalen Handelskonflikten und der Abkühlung der Weltwirtschaft schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Das teilte das Statistische Bundesamt mit. Zum Jahresanfang war Europas größte Volkswirtschaft noch um 0,4 Prozent gewachsen. Zuletzt hatten sich auch die Aussichten für die kommenden Monate eingetrübt.

Die außenwirtschaftliche Entwicklung habe das Wirtschaftswachstum gebremst, erklärte das Statistische Bundesamt. Die Exporte seien im Vergleich zum Vorquartal stärker zurückgegangen als die Importe. Das belastet auch die stark vom Export abhängige Industrie in Baden-Württemberg. „Es werden immer mehr konjunkturelle Bremsspuren sichtbar. Viele Betriebe aus der Industrie meldeten Rückgänge beim Auftragseingang“, berichtet Wolfgang Grenke, Präsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK). Auch wenn Grenke noch nicht von einer Rezession sprechen will, befürchtet er dennoch eine merkliche Abkühlung der Konjunktur in der nächsten Zeit. „Seit Mai sind die Auftragseingänge spürbar rückläufig“, teilt er auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Mit einer Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent im Land bleibe der Arbeitsmarkt aber robust, zugleich meldeten Bauindustrie und Dienstleister stabile Geschäfte. Nach Ansicht Grenkes brauche es daher keine Debatte über Konjunkturprogramme: „Wir brauchen eher eine Unternehmenssteuerreform und weniger Bürokratie, ein einiges Europa, das sich erfolgreich für gute gegenseitige internationale Beziehungen einsetzen kann.“

Ähnlich sieht es Ulrike Demmer, stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung. Maßnahmen, die die Konjunktur stabilisierten seien nicht notwendig. Für das Gesamtjahr gehe man weiter von einem leichten Wirtschaftswachstum aus. Zuletzt rechnete die Regierung mit einem Plus von 0,5 Prozent. 2018 war das Bruttoinlandsprodukt insgesamt um 1,5 Prozent gestiegen.

Gebremst wurde die Entwicklung nach den Angaben des Statistischen Bundesamts vom Außenhandel. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen sanken im Vergleich zum Vorquartal stärker als die Importe. Die Abkühlung der Weltwirtschaft, die Unsicherheiten wegen des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie die Unwägbarkeiten des Brexits belasten. Hinzu kommt der Strukturwandel in der Autoindustrie durch die Elektromobilität.

Gestützt wurde die Konjunktur von der Kauflaune der Verbraucher. Die Menschen sind angesichts niedriger Arbeitslosigkeit und gestiegener Löhne und Gehälter in Konsumlaune. Zudem wirft Sparen wegen der Zinsflaute kaum mehr etwas ab. Zuletzt wurden die Verbraucher nach Angaben der GfK-Konsumforscher beim Geldausgeben allerdings vorsichtiger. Meldungen über Personalabbau und die Einführung von Kurzarbeit ließen demnach die Angst vor einem Jobverlust wachsen.

Auch die Konsumausgaben des Staates, zu denen unter anderem soziale Sachleistungen und Gehälter der Mitarbeiter zählen, legten von April bis Ende Juni zu. Die Bauinvestitionen sanken dagegen. Wegen des vergleichsweise milden Winters war das erste Quartal für den Bau allerdings auch ungewöhnlich stark.
© Südwest Presse 15.08.2019 07:45
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