Die Reihen sind schnurgerade

Ein Modellprojekt soll umweltfreundlichen Präzisionsackerbau in Baden-Württemberg ermöglichen. Grundlage sind hochgenaue Positionsdaten für die Maschinen.
  • Die Landmaschine fährt alleine so exakt, da kann auch Agrarminister Hauk auf dem Fahrersitz Platz nehmen. Foto: Jens Schmitz
Wenn Thomas Maas an seinem Einsatzort eintrifft, kommt der entspannte Teil seiner Arbeit: Stehen die Schlepper auf dem Feld, nimmt der Landwirt die Hände vom Steuer. „Ich muss nur kontrollieren, das macht alles automatisch“, schwärmt der 36-Jährige. Seine Traktoren finden sich allein auf dem Acker zurecht; auch die Geräte im Schlepp entscheiden größtenteils selbst, was zu tun ist. „Früher musste man aktiv gerade fahren oder sich konzentrieren“, berichtet Maas. „Im Maisfeld fange ich morgens um sechs an und steige jetzt abends um zehn noch halbwegs entspannt ab.“

Autonom fahrende Landmaschinen, computergesteuertes Säen und Ernten: Precision Farming (Präzisions-Landwirtschaft) gibt es anderswo auf der Welt schon länger. Baden-Württemberg rühmt sich, seit den 1980er Jahren die Voraussetzungen entwickelt zu haben: Der zentimetergenaue Positionierungsdienst Sapos ist viel präziser als gängige Navigationsgeräte und in der Vermessungstechnik bundesweit etabliert. Ein Modellprojekt macht die Technik für landwirtschaftliche Mittelständler im kleinteiligen Südwestdeutschland erschwinglich – nicht zuletzt der Umwelt zuliebe. Zusammen mit Vater Friedrich (66) und Bruder Jochen (31) ist Thomas Maas der eifrigste Nutzer.

Die Familie lebt von Milchvieh, Biogas und Ackerbau. Sie bewirtschaftet 90 Hektar eigenes Land in Ladenburg (Rhein-Neckar-Kreis), nutzt ihre Technik als Auftragnehmer aber auch auf 350 weiteren Hektar. Drei Lenksysteme hat der Betrieb gekauft, Maas beziffert sie auf 12 000 bis 15 000 EUR pro Stück. Je nach Maschine und mit dem nötigen Modem können 20 000 EUR zusammenkommen.

Mit seinen Schleppern kann Maas automatisch pflügen, säen, düngen, spritzen und ernten. Das System auf ein neues Feld einzustellen, dauere 10 Minuten, berichtet der Landwirt. Die Geräte regeln sich dann selbst, Dokumentationspflichten erledigen sie automatisch.

„Die wesentlichen Vorteile sind Einsparungen von Produktionsmitteln“, zählt Maas auf. Die präzise Positionierung erlaubt nicht nur dem Traktor, sich auf dem Feld autonom zu bewegen. Die Geräte wissen genau, wo sie wie viel gedüngt oder gesät haben. Intelligente Düsen verhindern Doppelbehandlungen auch bei Wendemanövern. Und die exakte Aussaat erlaubt teilweise die Rückkehr zu mechanischer Unkrautbekämpfung: „Die Reihen sind schnurgerade“, berichtet Maas. Da die Systeme wissen, wo Saatgut platziert ist, können sie präzise darum herum hacken.

„Verfahren, die schon antiquiert waren, weil man sie früher mit Menschenhand durchgeführt hat, werden jetzt maschinell durchgeführt“, freut sich Agrarminister Peter Hauk (CDU) bei einem Besuch auf Maas' Acker. Hauk bezifferte die Pestizideinsparung allein beim Sprühen auf 5 bis 10 Prozent. Reduzierter Einsatz von Gülle, Mineraldünger oder Diesel trügen zu Arten- und Klimaschutz bei.

Seit Januar können 100 ausgewählte Landwirte Baden-Württembergs Sapos-Daten für eine Jahresgebühr von 50 EUR nutzen. Bisher wären 800 EUR fällig gewesen. Rheinland-Pfalz und Bayern bieten ihren eigenen Bauern den Service bereits kostenlos. Maas hat seit 2014 Daten aus Rheinland-Pfalz bezogen.

Hauk will die digitalen Möglichkeiten nicht nur der Großindustrie überlassen. Es gehe darum, Sapos für alle nutzbar zu machen und kostenfrei anbieten zu können. Auf Maas' Hof rudert er ein Stückchen zurück: „Nicht kostenneutral, aber zu geringen Kosten.“ Mittel und Personal dafür muss er im nächsten Doppelhaushalt erst durchsetzen.
© Südwest Presse 16.08.2019 07:45
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