In der Fremde liegt das Glück

Der VfB ist die beste Auswärtsmannschaft der Bundesliga – wartet aber noch immer auf den ersten Heimsieg. Woran liegt das?
  • Jubeln in der Hinrunde fast nur im Auswärtstrikot: Die VfB-Kicker um Borna Sosa, Mateo Klimowicz und Nicolas Gonzalez (v. li.). Foto: Christian Kolbert/kolbert-press/Pool via EIBNER/Sascha Walther
Es bleibt noch eine Chance. Im achten und letzten Heimspiel des VfB Stuttgart in dieser Vorrunde der Fußball-Bundesliga soll es gegen Borussia Mönchengladbach am Samstag (18.30 Uhr) endlich klappen mit dem ersten Sieg im eigenen Stadion. Und wenn nicht? Dann lauert die am Sonntagabend in Augsburg erhobene Drohung von Trainer Pellegrino Matarazzo, seine Spieler künftig auch am Abend vor den Heimspielen im Hotel zu kasernieren – ein Szenario, „das bei der Mannschaft gar nicht gut angekommen ist“, wie Sportdirektor Sven Mislintat am Tag darauf berichtet.

Ernst gemeint ist diese Drohung natürlich nicht, denn für Sanktionsmaßnahmen hat das junge Team des Aufsteigers bisher keinerlei Anlass geliefert. Mit dem 4:1-Sieg beim FC Augsburg setzte der VfB vielmehr das nächste dicke Ausrufezeichen, begeisterte mit Tempo und Spielfreude – und befeuerte damit gleichzeitig ein weiteres Mal die Frage, warum den Stuttgarter Galaauftritten in der Fremde, zu denen zuvorderst das spektakuläre 5:1 bei Borussia Dortmund zählt, eine bislang so ernüchternde Bilanz in der Heimat gegenübersteht.

Bei keinem anderen Bundesligisten ist dieser Unterschied so eklatant wie beim VfB. Fünf ihrer acht Auswärtsspiele haben die Stuttgarter in dieser Saison gewonnen und nur eines (in Wolfsburg) verloren. Mit 21 Toren haben sie öfter getroffen als jede andere Mannschaft und liegen folgerichtig auf Platz eins der Auswärtstabelle, gefolgt von den Topteams aus Leverkusen, Dortmund und München. Im eigenen Stadion hingegen sind bislang nur die Abstiegskandidaten aus Mainz und Köln noch erfolgloser gewesen als der VfB, der in sieben Spielen karge vier Punkte und neun Tore verbuchen konnte. Wie kann das sein?

Es ist ein Mysterium, mit dessen Aufklärung sich Pellegrino Matarazzo („Ich konnte bislang keine Zusammenhänge erkennen“) nicht aufhalten will. Doch gibt es zwei konkrete Erklärungsansätze. Der erste hat mit der Corona-Pandemie, den Geisterspielen und dem daraus resultierenden Wegfall des Heimvorteils zu tun, der sich statistisch belegen lässt: In der Hinrunde der vergangenen Saison, als noch in vollen Stadien gespielt wurde, waren nach 15 Spieltagen insgesamt 61 Heimsiege zu verzeichnen – zum gleichen Zeitpunkt dieser Saison sind es nur 45.

Die Zahlen bestätigen die naheliegende Annahme, dass Zuschauer das Spielgeschehen und Ergebnis maßgeblich beeinflussen können. Zehntausende von Fans sind es normalerweise, die die eigene Mannschaft nach vorne brüllen, den Gegner nach Kräften auspfeifen und den Schiedsrichter einzuschüchtern versuchen („Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“). Jetzt mögen vereinzelte Heißsporne wie der Augsburger Vereinspräsident Klaus Hofmann (und bisweilen auch Sven Mislintat) im leeren Stadion noch so fleißig grölen – Wirkung entfaltet ihr lautstark geäußerter Unmut in Richtung des Schiedsrichters oder der Spieler des Gegners in der Regel nicht. Davon profitiert in der Fremde auch der VfB – und leidet stärker als andere Klubs im eigenen Stadion, der mit einem Fassungsvermögen von 60 000 Zuschauern fünftgrößten Arena in der Liga.

Geisterspiele werden wie unter Laborbedingungen ausgetragen – ohne nennenswerte Einflüsse von außen und gewissermaßen auf neutralem Platz. Verändert hat sich dadurch meist auch die Herangehensweise der Heimmannschaften, die nicht mehr unter dem Druck stehen, dem eigenen Publikum ein Offensivspektakel bieten zu müssen. „Für die meisten Vereine macht es keinen Unterschied mehr, ob sie zu Hause oder auswärts spielen“, sagt Sven Mislintat. Eine Ausnahme ist der FC Augsburg, der auswärts in der Regel tiefer steht als zu Hause – und dem VfB am Sonntag den Gefallen tat, viel Platz zum Kontern zu lassen. Ein präziser langer Pass von Marc Oliver Kempf aus der eigenen Abwehr genügte vor dem Treffer zum 2:0, um die gesamte Augsburger Defensive zu überrumpeln.

Erklärungsansatz Nummer zwei hat nichts mit Corona zu tun und ist nicht allgemeiner Natur, sondern betrifft den VfB im Besonderen: Die Spielplantüftler der Deutschen Fußball-Liga (DFL) haben es so gewollt, dass der Aufsteiger in seinen Vorrunden-Heimspielen mit Ausnahme des 1. FC Köln ausschließlich Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte gegenüberstand, darunter der FC Bayern, RB Leipzig und Bayer Leverkusen. Dementsprechend war Borussia Dortmund die einzige Ausnahme bei den Auswärtsgegnern, die sich ansonsten nur aus Mannschaften aus dem Bundesliga-Unterbau rekrutiert haben. Es passt in diese Reihe, dass es mit dem Auswärtsspiel bei Arminia Bielefeld (20. Januar) eine lösbare Aufgabe ist, mit der der VfB nach dem schweren Heimduell gegen Borussia Mönchengladbach die Vorrunde beschließt.

Gut möglich also, dass sich in der Rückrunde dieser Saison eine ganz neue Frage stellt: Warum ist der VfB im eigenen Stadion so erfolgreich und schafft es nicht, auch auswärts zu gewinnen?
© Südwest Presse 13.01.2021 07:45
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