WM in Riga

„Wichtig, dass wir mehr wollen“: Eishockey-Märchen wie 2010?

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Das deutsche Nationalteam steht jubelnd nach dem Spiel auf dem Eis, nachdem es mit einem Sieg gegen Gastgeber Lettland das WM-Viertelfinale erreicht hat.

Mit dem Einzug ins WM-Viertelfinale hat das deutsche Eishockey-Team noch lange nicht genug. Ein Prestigesieg gegen die Schweiz soll den Weg für einen weiteren Überraschungserfolg ebnen.

Riga (dpa) - Nun soll für die Medaillenchance ein emotionales Kapitel Eishockey-Geschichte gegen die Schweiz wie 2010 her.

Selbstkritisch gehen die Cracks von Bundestrainer Toni Söderholm in Riga ihre Halbfinal-Mission an und wollen mit einem vergleichbaren Prestigesieg gegen den Erzrivalen wie bei der Heim-WM vor elf Jahren ihrem gewachsenen Ehrgeiz gerecht werden.

Mit einem Leistungssprung soll am Donnerstag (15.15 Uhr/Sport1) der Einzug ins Halbfinale gelingen. „Wichtig ist jetzt, dass wir mehr wollen“, schwor Kapitän Moritz Müller das Team auf die brisante Herausforderung gegen den wenig respektvollen WM-Zweiten von 2013 und 2018 ein. „Es wird eine Schlacht, es wird ein Kampf“, sagte Sportdirektor Christian Künast.

Spiel gegen die Schweiz hat einen ganz besonderen Reiz

Ein Sieg gegen den Nachbarn - und die erste WM-Medaille seit Silber vor 68 Jahren und damit eine ähnliche Sensation wie Olympia-Silber 2018 wäre ganz nah. Dass es ausgerechnet gegen die Schweiz geht, hat seinen ganz speziellen Reiz. Die Eidgenossen sehen sich als klarer Favorit und scheinen fast froh, gegen Deutschland spielen zu dürfen. Es sei „sicher keine unlösbare Aufgabe“, meinte der Schweizer Coach Patrick Fischer: „Wir kennen die Deutschen in- und auswendig.“

Große Töne, die im DEB-Lager hoffen lassen, wie 2010 unterschätzt zu werden. „Das ist okay. Was die denken, ist denen überlassen. Wir nehmen unsere Rolle so an, wie sie ist“, sagte Torhüter Mathias Niederberger vor dem Training am Mittwoch. Künast erwiderte: „Wir sagen, es wird ein Spiel auf Augenhöhe - und so wird es dann auch sein.“ Das Ballyhoo sorgt auch für breites internationales Interesse. Die Medienanfragen zum deutschen Training am Mittwoch häuften sich.

2010 stand Deutschland zum bislang letzten Mal im WM-Halbfinale

„Es sind immer geile Spiele gegen die Schweizer. Es wird ein geiles Viertelfinale, ich kann es kaum erwarten“, sagte Korbinian Holzer. Der 33-Jährige weiß, wovon er spricht. Der Verteidiger ist der Einzige im aktuellen Kader, der schon am 20. Mai 2010 dabei war, als Deutschland mit einem 1:0 im hitzigen Viertelfinale von Mannheim inklusive Raufereien nach dem Spiel WM-Geschichte schrieb. „Das war unglaublich“, sagte der langjährige NHL-Profi.

Der Erfolg damals ist der einzige Sieg, der einer Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes in den bisherigen elf Viertelfinals seit 1992 gelang. 2010 stand Deutschland zum bislang letzten Mal im WM-Halbfinale. Der vierte Platz ist das beste Resultat seit 1953.

Mahnende Worte des Kapitäns

Wird die Schweiz jetzt wieder zum Wegbereiter? Antreiber Müller mahnte: „Es ist ein Etappenziel, das wir erreicht haben. Aber es sollte sich keiner zurücklehnen. Wir müssen spielerisch den nächsten Gang finden, um die Schweizer zu schlagen.“

Fünf der vergangenen sechs WM-Vergleiche hat Deutschland verloren, bei Olympia 2018 aber gegen die Eidgenossen triumphiert: Mit dem entscheidenden 2:1 nach Verlängerung startete die DEB-Auswahl in Pyeongchang ihren sensationellen Lauf bis zur Silbermedaille. Ein Erfolg, der die eigenen Erwartungen veränderte. „Ich denke, da kommt noch viel mehr“, kündigte Mannheims Markus Eisenschmid forsch an.

Schweiz als Vorbild

Die Rivalität mit den Schweizern begleitet die Spieler seit der Jugend, sie wächst mit den ständigen Vergleichen über Jahrzehnte. Für den DEB bieten die Duelle auch deswegen einen Kick, weil die Schweiz als Vorbild dient - und in der Entwicklung einige Schritte voraus ist. 2013 und 2018 blieb dem Nachbar nur knapp der WM-Titel verwehrt - Erfolge, nach denen sich auch der DEB sehnt. Dass die Schweiz klar das Viertelfinale erreichte und nur Rekordchampion Russland in der Gruppe A den Vortritt ließ, ist keine Überraschung mehr.

Bei aller Rivalität mahnt Bundestrainer Söderholm auch zu Disziplin. „Das ist ein Spiel, wo man sagen kann: Alles raus mit den Emotionen. Das ist für alle Sportler der allerschönste Moment“, meinte Söderholm und warnte: „Wenn man unglaublich heiß ist, muss man seine Emotionen auch kontrollieren können.“ Denn sonst drohen zu viele falsche Entscheidungen wie beim 2:1 im entscheidenden Vorrundenspiel gegen Lettland. Spielerisch offenbarte das deutsche Team klare Schwächen, ließ sich nach zwei schnellen Toren zu weit in die Defensive drängen und schöpfte das Offensivpotenzial bei weitem nicht aus. „Ich glaube, es war unsere schlechteste Leistung im Turnier“, kritisierte Holzer.

Söderholm fordert „Löwenherz“

Allein ein „Löwenherz“ und ein „einzigartiger“ Kampfgeist - für Söderholm die entscheidenden Faktoren für das Weiterkommen - könnten diesmal nicht reichen. Deswegen ist es bitter, dass die Berliner Meister-Reihe erneut auseinanderzubrechen droht. Nachdem zuletzt Lukas Reichel ausgefallen war, ist nun der Einsatz von Marcel Noebels äußerst fraglich. Der Angreifer hatte sich gegen Lettland verletzt.

Alles in allem sind aber dank des Siegs gegen die Letten nach dem Abwärtstrend zuvor wieder das Selbstvertrauen zurück und eine enorme Vorfreude da: „Es ist einfach Deutschland gegen Schweiz“, sagte Holzer: „Das sind immer 50:50-Spiele. Ich freue mich brutal drauf.“

© dpa-infocom, dpa:210602-99-828704/5

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