"Vielleicht haben wir mehrere Buballas"

Er ist einer, der Verantwortung übernimmt. Und Klartext redet. Kapitän Leandro rechnet nach dem Umbruch damit, dass der VfR Aalen vor einer sehr schweren Zweitligasaison steht. Im Interview spricht der 32-Jährige über den neuen Trainer, über die Qualität des Kaders und darüber, dass "wir jetzt noch mehr Charakter brauchen".

Leandro, Sie waren die rechte Hand von Trainer Ralph Hasenhüttl. Wie sehr hat sein Weggang geschmerzt? Leandro: Ralph war ein erfolgreicher Trainer, der durch die Hintertüre gegangen ist. Er hatte keinen schönen Abschied. Das hat mir weh getan. Ist Ihr Verhältnis zu Stefan Ruthenbeck ähnlich eng? Es sind erst zwei Wochen vergangen, da kann ich noch nicht viel sagen. Tatsache ist, dass der neue Trainer sehr offen ist. Seine Tür steht für jeden Spieler offen, und er spricht viel mit den Spielern. Was ist anders unter Ruthenbeck? Viel. Er ist ein Trainer, der Fußballspielen will. Der viel Wert auf Ballbesitz legt. Damit haben wir als Mannschaft auch viel mehr Verantwortung. Er hat eine andere Philosophie vom Fußball als Ralph Hasenhüttl. Sind diese Veränderungen nötig? Schließlich ward ihr mit der Philosophie von Hasenhüttl sehr erfolgreich. Jeder Trainer hat seine eigene Philosophie, und es gibt kein Rezept, das den Erfolg garantiert. Wichtig ist, dass die Mannschaft weiß, was der Trainer will. Wir brauchen jetzt zuerst diesen Chip im Kopf. Reicht die Zeit bis zum Saisonstart, um das neue 4-3-3-System zu beherrschen? Das Spiel gegen St. Gallen hat gezeigt, dass wir uns sehr gesteigert haben. Das war schon sehr gut. Und wir haben uns viele Möglichkeiten herausgespielt, die wir leider nicht genutzt haben. Stefan Ruthenbeck hat nie höherklassig gespielt. Läuft er Gefahr, dass er bei Misserfolgen schnell den Respekt verliert? Nein, ich habe vor jedem Menschen Respekt. Immer. Ralph Hasenhüttl hatte als Spieler vielleicht mehr Erfolge. Aber als Trainer fängst du bei Null an. Ralph hat genauso angefangen wie Stefan Ruthenbeck. Gegangen sind einige Leistungsträger. Hat die Mannschaft jetzt weniger Qualität als bisher? Tatsache ist: Mit Martin Dausch, Tim Kister, Thorsten Schulz und Marco Haller sind vier erfahrene Spieler gegangen. Gekommen sind bislang nur zwei. Einer aus der Regionalliga und einer aus der U23. Wir sehr fehlen die vier Abgänge? Es fehlen nicht nur diese vier. Fehlen werden alle sechs. Also auch Marco Calamita und Stani Bergheim. Sie haben zwar weniger gespielt, aber in der Trainingswoche waren auch sie sehr wichtig. Sie haben immer Gas gegeben und dadurch für einen enormen Konkurrenzkampf gesorgt. Und sie hatten alle einen sehr guten Charakter. Wie sehen Sie den jetzigen Kader? Der Kader ist klein. Sehr klein. Die neue Saison wird nicht einfach. Sportdirektor Markus Schupp sagt, dass der VfR das Erreichte jetzt bestätigen will. Heißt das, Platz neun ist das Ziel? Wir müssen doch realistisch sein. Das Ziel ist ganz klar der Klassenerhalt. Wir müssen Schritt für Schritt gehen. Vergangene Saison waren die beiden Aufsteiger Regensburg und Sandhausen weit abgeschlagen. Das wird in der kommenden Saison anders sein. Jetzt gibt es keine Mannschaft wie Regensburg mehr. Die beiden Aufsteiger KSC und Bielefeld haben alles, um in der 2. Liga zu bleiben. Und sie müssen das als Traditionsvereine auch. Braucht der VfR Aalen Verstärkungen? Diese Frage müssen Sie dem Trainer stellen. Fakt ist, dass der Verein kein Geld hat. Der Trainer muss diese Situation berücksichtigen. Der Engpass in der Viererkette ist doch offensichtlich. Unsere Neuen Fabio Kaufmann und Felix Nierichlo sind variabel und können auch als Außenverteidiger spielen. Allerdings brauchen sie noch Zeit. Die 2. Liga ist eine ganz andere Welt. Wobei Jürgen Mössmer Innenverteidiger spielen kann. Und Enrico Valentini Außenverteidiger. Wir haben also Alternativen. Was ist mit der Offensive? Der VfR hat in drei Testspielen nur ein Tor geschossen - ein Elfmetertor. Am Torabschluss müssen wir noch arbeiten. Aber das liegt nicht nur an den Stürmern, jeder von uns kann Tore schießen. Was trauen Sie den Neuen Kaufmann und Nierichlo zu? Vor der vergangenen Saison dachte ich: Daniel Buballa kann niemals 2. Liga spielen. Dann hat er seine Sache als Stammspieler sehr gut gemacht. Vielleicht haben wir in der neuen Saison mehrere Buballas drin. Der VfR testet derzeit Probespieler André Hainault. André ist ein aggressiver Innenverteidiger, der zudem einen sehr guten Charakter hat. Als Backup wäre er gut für uns. Wird die neue Saison schwerer als die vergangene? Ja. Wir brauchen jetzt noch mehr Zusammenhalt. Und damit meine ich nicht nur die Mannschaft. Sondern auch die Fans, die Sponsoren und den Verein insgesamt. Wir in der Mannschaft brauchen noch mehr Charakter. Jeder muss noch positiver denken. Keiner kann sich mehr allein auf die Tore von Robert Lechleiter verlassen. Oder das Jasmin Fejzic oder Daniel Bernhardt hinten die Bälle schon halten werden. Wenn wir in diesem schweren Jahr den Klassenerhalt schaffen, dann haben wir eine tolle Basis für die Zukunft gelegt. Eine Zukunft, die finanziell nicht abgesichert ist. Ja, der Verein muss sich selbst die Frage stellen, warum so wenige neue Sponsoren kommen. Der Ausstieg der Firma Imtech hat ein kleines Erdbeben ausgelöst. Jetzt ist nur noch Herr Scholz da. Was passiert, wenn er irgendwann einmal auch weg ist? Die Region hat ein großes Potenzial. Mir liegt dieser Verein wirklich sehr am Herzen. Und ich sehe die Entwicklung in der Stadt. Die ist enorm vorangegangen. Wir Spieler werden inzwischen viel mehr angesprochen, die Leute haben Mützen, Fahnen, Schals. Viele Fans identifizieren sich inzwischen mit dem VfR. Das war in der 3. Liga noch nicht so. Deshalb müssen wir alle zusammenstehen. Haben Sie in den ungewissen Wochen mal daran gedacht, aus Aalen weggehen zu müssen? Es war natürlich nicht einfach für uns Spieler. Ich fühle mich sehr wohl in Aalen. Das gilt auch für meine Frau und meine Tochter. Es wäre schwer für uns gewesen, einen neuen Verein zu suchen. Mein Ziel ist es, mit dem VfR Aalen 100 Spiele in der 2. Bundesliga zu schaffen. Das wird in meinem Alter ohnehin schwer genug ... Noch nicht endgültig geklärt ist die Kapitänsfrage für die neue Runde. Würden Sie die Binde gerne behalten? Manche Kapitäne haben den Respekt der Mannschaft, manche nicht. Ich will lieber den Respekt als die Binde. Wenn der Trainer denkt, dass ich der richtige Kapitän bin, mache ich das sehr gerne wieder. Falls nicht, geht die Welt auch nicht unter.

ALEXANDER HAAG

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