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Digitales Handwerk: Es geht nicht ohne

Das Handwerk muss sich mit dem Thema Digitalisierung auseinandersetzen. Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm, und Geschäftsführer Tobias Mehlich sprechen über die Chancen und Herausforderungen.
  • Dr. Tobias Mehlich (li.) und Joachim Krimmer sind davon überzeugt, dass ein digitalisiertes Handwerk seine bereits vorhandenen Stärken in Zukunft noch besser ausspielen kann. Foto: HWK Ulm

Ulm. Die Handwerksbetriebe in den Landkreisen im Gebiet der Handwerkskammer Ulm stehen der Digitalisierung mehrheitlich offen gegenüber und treiben sie bei sich schon voran. Das hat die Studie ‚Digitalisierungsbarometer für das Bau- und Ausbauhandwerk in Baden-Württemberg’ im Rahmen der „Zukunftsinitiative Handwerk 2025“ gezeigt. Die Studie hat in den Handwerksbetrieben vier Komponenten erforscht: Betriebsführung und -entwicklung, Vermarktung, Geschäfts- und Verwaltungsprozesse sowie die Leistungserbringung beim Kunden. Wie die Digitalisierung das Handwerk verändert, darüber sprechen Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm, und Dr. Tobias Mehlich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Ulm.

Hat sich das Handwerk bereits digital verändert?

Joachim Krimmer: Ja, klar. Dachdecker lassen Drohnen fliegen, die Daten kommen direkt zuhause in den CAD-Rechner und es läuft die Konstruktion, Optiker fertigen Brillengestelle mit dem 3-D-Drucker, mancher Baubetrieb bestellt von der Baustelle per Smartphone neues Material ins Lager – das sind Beispiele, wie Handwerkerinnen und Handwerker die Digitalisierung durchdringen und für sich nutzen. Die Corona-Krise hat die Digitalisierung auch fürs Handwerk beschleunigt. Betriebsinterne Abläufe wie die Kommunikation mit Lieferanten sind immer öfter komplett online, also digitalisiert. Der Kunde erwartet modernes Handwerk und erkennt es oft auch daran. Umso wichtiger sind Fachkräfte, die die nötige Digitalkompetenz haben. Die Handwerksbetriebe in unseren Regionen bilden ihre Fachkräfte selbst aus. Und junge Menschen haben einen ganz anderen Zugang zu digitalen Prozessen. Das sollten wir nutzen.

Mögen die Handwerkerinnen und Handwerker die Digitalisierung?

Joachim Krimmer: Wir Handwerker sind von Natur aus innovativ. Wir finden jeden Tag neue Lösungen für die Wünsche der Kunden. Aber wir unterscheiden genau, wo digitales Arbeiten passt und Geld und Zeit spart – und wo es Schnickschnack ist. Die Studie Digitalisierungsbarometer hat gezeigt, dass wir Handwerksbetriebe in der Digitalisierung deutlich mehr Chancen als Risiken sehen.
Aber Digitalisierung ist kein Selbstzweck.

Wir unterscheiden genau, wo digitales Arbeiten passt und Geld und Zeit spart – und wo es Schnickschnack ist.

Joachim Krimmer, Präsident der Handwerkskammer Ulm

Sind da alle Handwerker gleich?

Tobias Mehlich: Nein. Handwerk ist vielfältig und individuell. Je jünger und ausgebildeter ein Betriebsinhaber, desto digital affiner ist er und wendet auch digitale Lösungen im Arbeitsalltag an. Das ist ein Ergebnis der Studie. Und je größer ein Betrieb ist, desto höher liegt auch der Digitalisierungsgrad.
Ganz ohne digitale Technik wird in Zeiten, in denen bereits die ersten Häuser aus Beton mit 3-D-Druckern gedruckt werden, kein Gewerk mehr auskommen. Handwerker sind schließlich die „Macher“ des Fortschritts. Sie sind es, die neue Technologien in die Wohnungen oder Keller der Menschen bauen.

Was unterscheidet die Digitalisierung im Handwerk von anderen Branchen?

Tobias Mehlich: Die enge Beziehung zum Kunden ist für das Handwerk von Vorteil. Ein smarteres, digitaleres und vernetzteres Handwerk kann noch schneller und flexibler auf Kundenwünsche eingehen.
Kurzum: Die Stärken, die das Handwerk schon immer ausgezeichnet haben, wird es in Zukunft noch besser ausspielen können – aber eben auch müssen. Wege zum Kunden und Prozesse des Produzierens werden sich massiv digitalisieren, das handwerkliche Produkt und der direkte Kontakt zum Kunden aber werden weiter analog gewünscht sein.
Am Ende muss im Handwerk etwas zum Anfassen rauskommen, spätestens da ist es vorbei mit digital. Oder wollen Sie an einem digitalen Tisch zu Abend essen? HWK Ulm

© Gmünder Tagespost 27.11.2020 15:36
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