Rechte Hetze?

Nach Taten wie in Illerkirchberg geht auf Twitter ein „abscheulicher Automatismus“ los

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Nach der Tat in Illerkirchberg ist Twitter voller Hetze gegen Asylbewerber. Gerade deswegen sieht Kommunikationsberater Johannes Hillje nun die Medien in der Verantwortung.

In Illerkirchberg bei Ulm griff ein 27-jähriger Mann zwei Mädchen an – eines davon starb. Noch stehen die Ermittler erst am Anfang ihrer Arbeit und klären erst das Tatmotiv. Hinweise auf eine politische oder religiöse Motivation gebe es nicht, sagte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) bei einem Besuch am Tatort laut Deutscher Presse-Agentur (dpa). Hier fassen wir noch einmal zusammen, was wir über den tödlichen Angriff in Illerkirchberg wissen und was nicht.

Tödlicher Angriff in Illerkirchberg wird von AfD-Politikern aufgegriffen

Schnell ist klar, dass die Tat in Illerkirchberg eine politische Dimension bekommt. Denn tatverdächtig ist ein Asylbewerber aus Eritrea. Gefundenes Fressen für Rechte und AfD-Politiker. Die Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, Alice Weidel, fragte schon am Montagabend, 5. Dezember, auf Twitter, warum man über die Herkunft des Täters, der in einer Asylunterkunft festgenommen wurde, schweige. Später ergänzt sie in einem Tweet, wie sehr es sie ärgere, dass niemand anspreche, „dass wir ein Problem mit einigen Männern haben, die als ‚Flüchtlinge‘ nach Deutschland kamen“.

Der Ex-Bild-Chef Julian Reichelt twitterte: „Der Tatverdächtige von #Illerkirchberg kommt aus Eritrea. Unsere Regierung will es (noch) leichter machen, nach Deutschland zu kommen und illegale Einreise belohnen. Um es klar zu sagen: Kein Mensch will diese irrsinnige Migrationspolitik, sie kostet Leben. Leben unserer Kinder“. Er bezieht sich damit offenbar auf die neuen Pläne der Ampel-Regierung, die sowohl das Chancen-Aufenthaltsrecht reformiert, als auch die deutsche Staatsbürgerschaft nach kürzerer Zeit ermöglichen will.

„Abscheulicher Automatismus“ auf Twitter führt zu Hetze gegen Asylbewerber

Gegen diese Einwanderungs-Pläne hetzen nicht nur Personen wie Julian Reichelt, die AfD oder andere Rechte. Auch CDU-Politiker fielen in den vergangenen Wochen durch ihre Kritik an den Reformen zur Einbürgerung auf. Sie sprachen unter anderem davon, dass die Ampel-Koalition die deutsche Staatsbürgerschaft entwerten würde. Hier 9 Tweets, die Argumente gegen Einbürgerung schneller „entwerten“, als jeder Ausländer den deutschen Pass.

Twitter ist am Dienstag voll von rechten Tweets, die sich aufregen, dass „woken“ Menschen die Opfer solcher Straftaten egal seien. „Es gibt eine signifikante Häufung. Und darüber muss geredet werden!“, schreibt eine aus dem rechten Spektrum bekannte Nutzerin. Begriffe wie Asylbewerber, Generalverdacht, Täter und Illerkirchberg trenden den ganzen Tag lang. Eine Userin schreibt: „Ich frage alle Politiker [...] Habt Ihr noch ein Gewissen? Wie viele müssen sterben, bis Ihr die selbstmörderische Asylpolitik ändert?“

Für den Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje ist das keine Überraschung. „In sozialen Netzwerken wie Twitter gibt es nach solchen Taten einen abscheulichen Automatismus: Noch bevor die Hintergründe bekannt sind, wird die Tat von der AfD und anderen extrem rechten Akteuren instrumentalisiert“, sagt er gegenüber BuzzFeed News DE einem Portal von IPPEN.MEDIA.

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„Es ist wichtig, dass sich Medien nicht an einer Verdachtsberichterstattung beteiligen“

Migranten würden unter Generalverdacht gestellt und zu einem allgemeinen Sicherheitsrisiko erklärt, so der Framing-Experte. Im Fall Illerkirchberg würden aktuell sogar verschiedenen Migrantengruppen gegeneinander ausgespielt. „Es ist wichtig, dass sich Medien nicht an einer Verdachtsberichterstattung beteiligen. Andeutungen und Spekulationen über noch unbekannte Hintergründe verbieten sich, weil dadurch Vorurteile geschürt werden können, die später kaum noch zu korrigieren sind“, sagt Hillje.

Gerade weil sich die politische Instrumentalisierung auf sozialen Netzwerken kaum verhindern lasse, müssen journalistische Medien „äußerst sorgfältig berichten.“ Ein gutes Beispiel dafür seien solche Formate wie „Was wir wissen – und was nicht“, denn es gehe darum, einfach nur Fakten wiederzugeben, aber keine Spekulationen zu befördern. „Die Chance der seriösen Medien ist ihre Glaubwürdigkeit“, so Hillje zu BuzzFeed News DE, denn zum Glück vertraue die übergroße Mehrheit immer noch journalistischen Quellen mehr als Informationen aus Social Media. 

Und das ist vielleicht gut so, denn auf Social Media wie Facebook häufen sich Fake-News – so auch zum Ukraine-Krieg. Hier 11, die erschreckend erfolgreich waren.

Rubriklistenbild: © Kay Nietfeld/dpa/Bernd Weißbrod/dpa/Collage

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