Kurz vor dem 20. Parteitag

Wilde Gerüchte über angeblichen China-Putsch und Staatspräsidenten Jinping: „Wo ist Xi?“

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Nach wilden Gerüchten vom Wochenende soll Chinas Staatschef Xi Jinping gestürzt worden sein und unter Hausarrest stehen. Unter dem Hashtag #whereisxi spekulierten User auf Twitter über den Standort Xis.

Zhongnanhai/München – Kurz vor dem 20. Parteitag am 16. Oktober kursierten am Wochenende wilde Gerüchte um den chinesischen Staatspräsidenten. Wenn man den Diskussionen auf Twitter glaubt, gab es nicht nur einen Staatsstreich in China, sondern Staatschef Xi Jinping steht seither sogar unter Hausarrest. Nach dem Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO) in Usbekistan, wurde Xi Jinping nicht mehr in der Öffentlichkeit gesichtet. Auf Twitter machten daher die Hashtags „#whereisxi“ und „#chinacoup“ die Runde. Vor allem aus sozialen Medien Indiens stammte der Verdacht eines Militärputsches in Peking. Demnach soll Xi nach seiner Absetzung als Chef der Volksbefreiungsarmee (PLA) festgenommen worden sein.

Mittlerweile ist klar: Es gibt diesen Putsch nicht. Experten und Auslandskorrespondenten in Peking verweisen die Gerüchte in das Reich der Verschwörungstheorien. In Peking ist alles ruhig. „Xi befindet sich seit seiner Rückkehr von der SCO höchstwahrscheinlich in Quarantäne. Es gibt keinen Putsch“, erklärte China-Experte Aadil Brar. „Wenn es jemals einen ‚Putsch‘ gegen Xi geben sollte, würde er von der politischen Führung angeführt werden und nicht vom Militär. Ein möglicher ‚Putsch‘ wird ganz andere Anzeichen eines politischen Umsturzes haben; Flugstreichungen spiegeln nicht das Chaos wider, das einem solchen Szenario folgen würde“, so Brar weiter. James Palmer vom US-Magazin Foreign Policy tweetete: „Alle sechs Monate gibt es solche Gerüchte“.

Gerüchte um Xi Jinpings Verschwinden breiteten sich weltweit aus

Doch selten erreichten derartige Gerüchte die Publikumsmedien der ganze Welt wie dieses Mal. Sie haben sich seit einem Tweet von New Highland Vision verbreitet, einem chinesischen Twitter-Account mit über 70.000 Followern, der über aktuelle Nachrichten der Volksrepublik berichtet, am 22. September verbreitet: Der Account behauptete, der ehemalige Präsident Hu Jintao und Ex-Premier Wen Jiabao hätten ein ehemaliges Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros dazu überredet, Xi Jinping die Kontrolle über das Central Guard Bureau (CGB) abzunehmen. Das CGB wählt und kontrolliert die Leibwächter der Schutzbefohlenen.

Xi Jinping möchte am 20. Parteitag seine dritte Amtszeit als KP-Chef antreten

In einem Beitrag des gemeinnützigen New Yorker Fernsehsenders New Tang Dynasty, der über wichtige Ereignisse in der chinesischen Gemeinde in dem US-Staat berichtet, hieß es zudem, dass Xi bei einem Seminar zur nationalen Verteidigung und Militärreform nicht anwesend gewesen sei. Ebenfalls für großes Unken sorgte die Tatsache, dass am 21. September etwa 60 Prozent der Flüge aus Peking ohne Angabe von Gründen gecancelt worden waren.

Doch die Streichungen der Flüge erscheinen nicht verwunderlich, wenn man auf die Vergangenheit blickt. Die Anzahl der Flüge pro Tag gehen demnach immer dann zurück, wenn sich COVID-19 lokal ausbreitet. Die Annullierung der Flüge könne also nicht auf eine militärische Intervention zurückgeführt werden, wie einige Twitter-Nutzer behaupten.

Satire zu Gerüchten über Xi Jinping und Militärputsch

Nicht jeder nahm die Verschwörungstheorien ernst. Unter den Hashtags #whereisxi und #chinacoup lassen sich auch viele Satiremeldungen finden. Ein Twitter-Thread von Spiegel-Korrespondent Georg Fahrion etwa löste die Gerüchte humorvoll auf. „Das ist das Xinhua-Tor, der Haupteingang zum Zhongnanhai-Gelände, wo die gesamte zentrale Führung, einschließlich Xi Jinping, residiert und arbeitet. Elite-Fallschirmjäger haben die Kontrolle über das Tor erlangt, geschickt getarnt als die fünf Typen mittleren Alters, die dort immer stehen“, witzelte er.

Nichts deutet also auf einen Staatsstreich hin, noch auf eine Festnahme von Xi Jinping. Wilde Putschgerüchte sollten für den Staatspräsidenten allerdings nichts Neues sein. 2012 machten ähnliche Gerüchte kurz vor dem Parteikongress die Runde. Damals war Xi Jinping ebenfalls mehrere Wochen nicht in der Öffentlichkeit zu sehen - kurz vor seiner erstmaligen Ernennung zum Parteichef. Auf dem diesjährigen Parteitag möchte Xi seine dritte Amtszeit ausrufen. Damit wäre er nach Mao Zedong der mächtigste und am längsten regierende Anführer Chinas. Dass er damit auf Kritik innerhalb der Partei stoßen wird, liegt zwar nahe. Auch die strenge Null-Covid-Politik dürfte Mitte Oktober reichlich kritisiert werden. Aber eine Palastrevolution halten Beobachter für praktisch ausgeschlossen. (sr)

Rubriklistenbild: © IMAGO/Sergey Guneev

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