Shitstorm gegen eingebürgerten Star

Chinas Nationalisten schmähen Eiskunstläuferin wegen Sturz – sie vergießt öffentlich Tränen

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Kür unter Tränen: Chinas Eiskunstläuferin hält Druck nach Shitstorm im Netz nicht mehr Stand.
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Nach einem schwachen Auftritt hetzt ein chinesischer Online-Mob gegen die Eiskunstläuferin Zhu Yi. Sie ist in den USA geboren. Doch nicht nur sie. Superstar Eileen Gu ist trotz Geburt in San Francisco populär.

Peking/München – Chauvinistische Online-Hetzer haben eine junge Eiskunstläuferin des chinesischen Olympia-Teams zur Verzweiflung getrieben. Dabei spielte ihre schwache Leistung wohl eine ebenso eine Rolle wie die Tatsache, dass die 19-Jährige in den USA geboren ist. Es zeigt sich dabei wieder einmal, dass China* die immer wieder von der Regierung ermunterten nationalistischen Geister zunehmend wenig unter Kontrolle hat. Am Ende schritt sogar die Zensur ein und setzte dem Treiben ein Ende.

Was war geschehen? Die vor ein paar Jahren aus den USA angeworbene Eiskunstläuferin Zhu Yi war am Sonntag, dem ersten Tag der Eiskunstlauf-Team-Wettkämpfe der Olympischen Winterspiele*, in ihrem Kurzprogramm gestürzt und gegen die Bande geknallt. Damit warf sie die chinesische Mannschaft im Ranking auf Rang fünf zurück. Das reichte zwar für das Finale. Doch der schwache Auftritt der jungen Frau ließ gefrustete Nationalisten überschäumen.

Posts mit dem Hashtag „#Zhu Yi ist gestürzt“ wurden auf Chinas Sozialmedienplattform Weibo 200 Millionen mal geklickt. Offenbar entlud sich dabei auch der Ärger nationalistischer Nutzer darüber, dass Zhu einer in China geborenen Athletin vorgezogen worden war. „Wie kannst du es wagen für China anzutreten“, ereiferte sich einer. Zhu Yi könne nicht einmal richtig Chinesisch, hieß es in anderen vielfach geliketen Posts. Die Zensur reagierte offenbar auf diese Hetze und ließ diesen und andere Schmäh-Hashtags deaktivieren. Doch da war Zhu schon schwer getroffen.

Olympia: Nationalistische Trolle hetzen gegen eingebürgerte Eiskunstläuferin

Das Eiskunstlauf-Team Event besteht aus vier Disziplinen: Eiskunstlauf-Einzel jeweils einer Dame und eines Herren, dazu einmal Paarlauf und einmal Eistanzen. Zhu Yi schämte sich ohnehin nach ihrem Auftritt vom Sonntag. „Ich denke, ich habe viel Druck verspürt, weil ich weiß, dass alle in China von der Auswahl für das Damen-Einzel ziemlich überrascht waren“, sagte Zhu nach ihrem Kurzprogramm. „Ich wollte ihnen wirklich zeigen, was ich kann, aber leider habe ich das nicht getan.“ Zu diesem Zeitpunkt hatte sie noch keine Ahnung, was über sie hereinbrechen würde. Am Montag hielt sie dann dem Druck aus dem Netz nicht mehr stand. Sie stürzte erneut mehrfach und beendete ihre Kür unter Tränen. Den Wettbewerb gewann die Mannschaft aus Russland vor den USA und Japan. Die Hass-Posts haben auch dem chinesischen Team damit herzlich wenig genützt.

Stattdessen zeigen sie eine hässliche Fratze der chinesischen Politik. Peking schürt immer wieder gern patriotischen Eifer*, wenn es genehm ist. Der immer noch schwelende Zorn gegen Japans Kriegsverbrechen lässt sich ebenso instrumentalisieren wie zuletzt der Ärger über Sanktionen des Westens im Zusammenhang mit dem Verdacht der Zwangsarbeit in Xinjiang*. Nationalistische Tiraden im Netz lenken von Problemen im Innern ab und halten den Laden zusammen. Doch die Strategie birgt auch Risiken, wie sich jetzt zeigt: Einmal losgelassen, hetzt ein nationalistischer Mob auch dann weiter, wenn es nicht gewünscht wird. Einzufangen ist er nicht so leicht.

Chinas Nationalisten: Das Netz macht, was es will

Das Netz macht ohnehin, was es will. Zhu Yi ist bei den Pekinger Winterspielen nur eine von mehreren aus dem Ausland für China angeworbenen Athletinnen. Doch bisher ist nur sie im Visier. Die als Beverly Zhu in Los Angeles geborene 19-Jährige startet seit 2018 für China. Mit Ashley Lin stammt aber auch eine weitere Eiskunstläuferin des Team China aus den USA.

Zwei Drittel des Herren-Eishockeyteams stammen ebenfalls aus dem Ausland: Den USA, Kanada und Russland. Die meisten haben immerhin chinesische Vorfahren. Doch der Superstar ist Eileen Gu*: Die 18-Jährige ist Medaillenkandidatin in gleich drei Disziplinen des Ski-Freestyle. Die erste Medaille könnte sie am morgigen Dienstag im Big Air-Wettbewerb holen, zwei weitere sind fest eingeplant. Seit ihrem Wechsel 2019 ist Eileen Gu ein Superstar in China. Sie hat 1,3 Millionen Follower auf Weibo – gegenüber „nur“ 250.000 auf Instagram – und mehrere lukrative Werbeverträge. Ihr wirft niemand ihren Geburtsort San Francisco vor.

Im Gegenteil: Manche Fans zeigen sich gar tolerant gegenüber der Tatsache, dass nicht einmal klar ist, ob Eileen Gu ihren amerikanischen Pass abgegeben hat. Das chinesische Gesetz verbietet den Doppelpass für über 18-Jährige. Gu ist im September 18 geworden. Zu ihrer Staatsbürgerschaft schweigt sie sich aus. Ihr Standard-Satz zu diesem Thema ist seit langem: „In China bin ich Chinesin, in den USA bin ich Amerikanerin.“ Eine Doppel-Staatsbürgerschaft sei in Ordnung, solange „die chinesische Flagge bei der Siegerehrung gehisst wird, wenn sie gewinnt“, kommentiert ein User auf Weibo. Zumindest sei sie bereit, einen etwaigen Olympiasieg mit China zu teilen. Die Hongkonger Zeitung South China Morning Post hatte Kommentare zu Gus Posts durchsucht und viele gefunden, die diesen pragmatischen Tenor teilen. Etwa: „Spielt es eine Rolle? Sie ist halt von gemischter Herkunft und hat emotionale Verbindungen zu beiden Seiten.“ 

China: Doppelmoral im Netz preist Stars und schmäht Misserfolg

Eileen Gu hilft ihr Status als Superstar. Doch nicht nur: Anders als Zhu Yi spricht sie beide Sprachen fließend und balancierte schon immer zwischen den Welten. Jahre vor ihrer Entscheidung, für China anzutreten, war Gu über ihre Mutter bereits in Verbindung mit Chinas Skizirkus gewesen. Ihr Vater ist Amerikaner, aber spielte in ihrer Kindheit offenbar keine Rolle. Großgezogen wurde sie von Mutter und Großmutter. Zur politischen Lage in China äußert Gu sich nicht. Es scheint aber nicht, als wolle der Freestyle-Star den USA den Rücken kehren: Ein paar Monate nach den Spielen will sie an der kalifornischen Elite-Uni Stanford ein Studium aufnehmen.

Von einer offenen Debatte über eine Einführung des Doppelpasses ist China weit entfernt. Das wirft daher Fragen auf: Hat Peking in diesem Fall einfach pragmatisch entschieden, Eileen Gu nach ihrem 18. Geburtstag entgegen der üblichen Praxis nicht zur Abgabe ihres US-Passes aufzufordern? Gab es eine Absprache? Oder verweigert Gu die Herausgabe im Wissen um ihren Status in China bei den Spielen? Könnte China sie zur Abgabe des Passes überhaupt zwingen?

Doppelpässe der Olympia-Athleten: Keine Antworten

Antworten darauf gibt es nicht. Aber zumindest Anzeichen, dass Eileen Gu ihren US-Pass sehr wohl noch besitzt. Ihr Name sei nie auf dem Register für ausgebürgerte US-Amerikaner des US-Finanzministeriums aufgetaucht, schreibt etwa das britische Magazin Economist in einem langen Artikel über Gus Spagat zwischen Ost und West. Red Bull, einer von Gus Hauptsponsoren, habe zunächst auf seiner Website geschrieben, Gu habe „beschlossen, ihren amerikanischen Pass aufzugeben“. Doch als ein Reporter des Wall Street Journal das Unternehmen für eine Bestätigung anrief, habe Red Bull die Passage entfernt, so der Economist.

Auch bei den beiden Eiskunstläuferinnen und den Eishockeyspielern ist nicht bekannt, wieviele und welche Pässe* sie haben. Ein Thema dürfte das bei ihnen allen nur werden, wenn der Erfolg ausbleibt. Aber dann müssen sie sich wohl warm anziehen. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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