Politische Bilanz der Winterspiele

Olympia in Peking: Am Ende sieht selbst das IOC ein „Problem“

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IOC-Präsident Thomas Bach übte am Freitag bei seiner Pressekonferenz in Peking seltene Kritik am Gastgeber China.
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Die politischsten Olympischen Spiele seit dem Kalten Krieg sind beendet. Chinas Staatschef Xi Jinping nutzte sie für Diplomatie. Mit dem IOC gab es seltenen Zoff um Taiwan.

Peking/München — Spannende Wettkämpfe, eine sinkende Zahl an Corona-Infektionen in der Olympia-Blase und schließlich sogar natürlicher Schnee: Zum Ende der Olympischen Winterspiele* in Peking zeigten sich die meisten Athleten trotz aller Schwierigkeiten wie der pandemiebedingten Isolation recht zufrieden mit Anlagen und Organisation. Man arrangierte sich sogar mit der wenig ausgelassenen Stimmung der Corona-Spiele. Auch ein befürchteter Überwachungsskandal blieb vorerst aus. Trotzdem warf die Politik einen Schatten über Olympia 2022 — nicht nur wegen der Sorge vor einem russischen Einmarsch in die Ukraine.

Die politische Fragen rankten sich um den Gastgeber China*, auch in der Sportberichterstattung im deutschen Fernsehen. Große Themen wie die Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang und Hongkong, der offizielle oder auch faktische diplomatische Boykott vieler Staaten des Westens, die Rolle des IOC oder der öffentliche Schulterschluss der Präsidenten Xi Jinping und Wladimir Putin* zur Eröffnung der Spiele trugen dazu ebenso bei wie kleine Dinge am Rande — etwa die Debatte um den möglichen Doppel-Pass der amerikanisch-chinesischen Ausnahme-Athletin Eileen Gu

Winterspiele in Peking: Xi nutzt Olympiade für diplomatische Offensiven

Die chinesische Regierung zeigte sich zwar leicht verschnupft über das Fehlen der Regierungsvertreter vieler demokratischer Staaten. Doch sie zog bei der Eröffnungsfeier das Olympia-Programm mit all seinen frohen Botschaften von der völkerverbindenden Wirkung des Sports durch, als wäre alles wie immer. Xi Jinping* nutzte den Anlass zudem für eine diplomatische Offensive: Ranghohe politische Vertreter von immerhin gut 30 Ländern waren trotz der Boykotte anderer und Pandemie nach Peking gereist. 

Vor allem die demonstrative Anwesenheit Wladimir Putins wertete die Olympische Eröffnungsfeier aus Sicht Xis auf. China stützte bei dem Treffen Xis mit Putin in einer gemeinsamen Erklärung grundsätzlich russische Sicherheitsbedenken in Osteuropa; Russland im Gegenzug Chinas Anspruch auf Taiwan. China blieb nach Ansicht von Experten allerdings darin weiterhin hinter einer expliziten Unterstützung der russischen Ukraine-Politik zurück. Die Sprache des Dokuments spiegele die Prioritäten Beijings stärker wider als jene Moskaus, urteilt Helena Legarda, Sicherheitsexpertin am Berliner Merics-Institut. „Das ist ein Zeichen für ungleich verteilte Machtverhältnisse zwischen den beiden Ländern.“ In der zunehmend engen Kooperation zwischen Russland und China könnte die Machtbalance laut Legarda künftig noch weiter Richtung Peking kippen.

Polen war der einzige EU-Mitgliedstaat, der sein Staatsoberhaupt zur Olympia-Eröffnung schickte. Präsident Andrzej Duda traf sich bilateral mit Xi — sehr zum Missfallen der USA. Ein weiterer Coup, den kaum jemand wahrnahm: Der argentinische Präsident Alberto Fernandez unterzeichnete in Peking eine Absichtserklärung zur Teilnahme seines Landes an Chinas Neuer Seidenstraße*. Er lobte das gewaltige Infrastrukturprogramm Pekings als Chance auf geringere Abhängigkeit Argentiniens von den Vereinigten Staaten und dem IWF. Das Risiko eines Zahlungsausfalls Argentiniens ist derzeit hoch. Für Beijing ist der geopolitisch-strategische Schachzug deshalb wirtschaftlich nicht ohne Risiko. Doch die Seidenstraße ist nun jedenfalls auch in Südamerika platziert: Ein politischer Gewinn.

Olympia in Peking: Kritik an der Menschenrechtslage reißt nie ab

Der Beginn der Wettkämpfe verschob danach zwar die Aufmerksamkeit auf den Sport. Doch Aktivisten thematisierten immer wieder die Menschenrechtsfrage. Vertreter uigurischer oder tibetischer Organisationen etwa sprachen von “Genozid-Spielen”*. Andere Kritiker forderten, Olympia nie wieder in ein Land mit so schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen zu vergeben. Das IOC steht in demokratischen Staaten seit Jahren in der Kritik für seine Weigerung, chinesische Menschenrechtsverletzungen zu benennen oder sich politisch überhaupt zu positionieren.

Kurz vor dem Ende kam es zu einem Eklat, der dann selbst dem duldsamen IOC zu viel war. Bei einer Pressekonferenz des IOC mit dem Olympia-Organisationskomitee BOCOG am Donnerstag fiel BOCOG-Sprecherin Yan Jiarong mehrfach dem IOC-Sprecher Mark Adams ins Wort: Als Adams etwas uneindeutig auf die Frage eines Reporters nach der Teilnahme der vier Athleten Taiwans an der Abschlusszeremonie antwortete, unterbrach sie ihn und erklärte vor der internationalen Presseschar auf Chinesisch die Insel zu einem „untrennbaren Teil“ der Volksrepublik. Wenig später nannte sie Berichte über eine systematische Zwangsarbeit von Uiguren in Xinjiang* eine „Lüge“.

Das sind zwar altbekannte Positionen Pekings. Dennoch bezeichnete Adams die Aussagen etwas später als „Sichtweise von Madame Yan“, die für das IOC „nicht relevant“ sei. Das IOC berief laut einem Bericht des Wall Street Journal sogar eine Krisensitzung ein. Der wegen seiner beschwichtigenden Haltung viel geschmähte IOC-Chef Thomas Bach nannte Yans Aussagen am Freitag demnach ein „Problem.” IOC und BOGOC hätten „das unmissverständliche Bekenntnis, politisch neutral zu bleiben“ bekräftigt. Chinas Image im demokratischen Westen hat sich durch die Spiele ohnehin nicht verbessert – der aggressive Auftritt Yans dürfte da wenig hilfreich gewesen sein.

Taiwan in heikler Position auch bei Olympia in Peking

Taiwan* nimmt bei Olympia stets unter der auch von Peking akzeptierten Kompromissformel „Chinese Taipei” und unter IOC-Flagge teil. Die Athleten der Insel hatten es wegen des wachsenden politischen Drucks aus Peking gegenüber Taipeh zunächst abgelehnt, zur Eröffnungsfeier zu erscheinen. Das IOC aber blieb hartnäckig, so dass schließlich doch zwei Sportler mit der Fahne ins Olympiastadion einmarschiert waren. 

Wenige Tage später sorgte eine der beiden, die Eisschnellläuferin Huang Yu-ting, für Ärger zuhause: Sie postete ein Video in den sozialen Medien, in dem sie in einer Uniform der chinesischen Nationalmannschaft trainierte. Ein Shitstorm im Netz folgte auf dem Fuße. Sie habe die Uniform von einer Freundin aus dem chinesischen Team geschenkt bekommen, verteidigte sich Huang. Die 33-Jährige löschte zwar das Video, zeigte aber keine öffentliche Reue. Daraufhin feierten viele in Taiwan ihre schlechten Ergebnisse im Wettkampf. Ministerpräsident Su Tseng-chang forderte gar die Sportverwaltung in Taipeh zur Untersuchung des Vorgangs auf, um eine „angemessene Strafe“ zu ermitteln. Nichts ist harmlos bei Olympia in Peking.

Olympia-Superstar Eileen Gu im Strudel der Geopolitik

Auch Chinas in den USA geborener Ski-Freestyle-Superstar Eileen Gu* musste feststellen, dass es bei diesen Spielen keine politikfreie Zone gibt. Durch ihren Fahnenwechsel von den USA zu China hat sich die 18-Jährige in ein politisches Minenfeld begeben. In den USA werfen ihr vor allem Konservative „Verrat” vor. Dabei seien in der Vergangenheit viele Sportler aus den USA für die Länder ihrer Vorfahren angetreten, merkt Lincoln Mitchell, Sportexperte an der School of International and Public Affairs der Columbia-Universität in New York, an: „Aber nie gab es einen Aufschrei wie bei Gu.“ Das sei nur durch die Intensität des Systemwettbewerbs zwischen den beiden Mächten und die Kritik an Chinas Menschenrechtsverletzungen zu erklären.

Zweimal Gold, einmal Silber: Das chinesisch-amerikanische Ski-Freestyle As Eileen Gu

Im Westen sorgte für Argwohn, dass Gu sich nicht zum Thema Menschenrechte äußerte. Doch würde die 18-Jährige weiter für die USA starten, hätte sie wohl niemand dazu befragt – im Gegenteil: Ausländische Athleten wurden gezielt vor den Risiken politischer Äußerungen* während ihres Aufenthaltes in Peking gewarnt. Umgekehrt erhalten auch chinesische Sportler wie der neue Snowboard-Teeniestar Su Yiming keine Fragen zu politischen Themen, denn sie brächten sich durch Kritik erst recht in Gefahr.

Hat sie zwei Pässe? Sanfte Kritik an Eileen Gu auch in China

Doch selbst in China mischte sich in die Begeisterung über Gus drei Medaillen eine Debatte über ihre unklare Staatsbürgerschaft und ein wenig Unmut über ihr privilegiertes Leben. Doppelte Staatsbürgerschaften sind in China eigentlich verboten — und Eileen Gu schweigt zu der Frage, ob sie ihren US-Pass behalten hat. Unbedarfte Aussagen der 18-Jährigen etwa zur Internet-Zensur in China lösten immer wieder Kritik und Debatten auf Chinas Social-Media-Plattformen aus. „Es waren zwei Wochen mit den intensivsten Höhe- und Tiefpunkten, die ich je erlebt habe“, sagte Eileen Gu am Freitag nach ihrem zweiten Olympiasieg* in der Halfpipe: „Mein Leben hat sich für immer verändert.“ 

Gus Fall zeigt jedenfalls, dass die viel geschmähte „Politisierung des Sports“ längst Realität ist. Ob die Vergabe der Spiele an Peking nun eine Lehre für künftige IOC-Entscheidungen sein wird, ist noch offen. Damit Olympia nicht mehr an Diktaturen vergeben werden kann, müssten sich auch künftig demokratisch regierte Länder für die Spiele bewerben. Doch dort fehlt vielfach die Unterstützung der Bevölkerung: In Deutschland etwa lehnten zuletzt die Bürger von Garmisch-Partenkirchen, München und Hamburg Olympia-Bewerbungen ihrer Städte ab. Immerhin eins ist klar: Die kommenden Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo dürften für deutlich weniger Zündstoff sorgen. (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Aus deutscher Sicht hätten die Spiele kaum erfolgreicher sein können: Sie gehen mit der Schlusszeremonie zu Ende. Wir begleiten die Feier im Live-Ticker.

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