Estland kämpft mit russischem Einfluss

Corona-Zahlen aus Osteuropa geben Rätsel auf - doch die nächste Welle droht schon

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In Tschechien nimmt das Kulturleben Fahrt auf - vorher wird aber desinfiziert, so wie hier beim Filmfest in Karlsbad.
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Osteuropa überrascht mit positiven Corona-Zahlen - obwohl teils russischer Einfluss die Impfzahlen dämpft. Doch die nächste Welle könnte schon anrollen.

  • Im Osten der EU befinden sich die 7-Tage-Inzidenzwerte noch auf einem niedrigen Stand.
  • Doch die Impfquoten in Estland und Lettland geben Anlass zu Besorgnis - sie sind besonders niedrig.
  • Litauen geht derweil mit harten Einschränkungen gegen Ungeimpfte vor.

Warschau - Corona ist eine globale Pandemie - und doch gibt es immer wieder erstaunliche regionale Unterschiede. Ein kurzer Blick auf die Statistiken aus Mittel- und Osteuropa ließ zuletzt aufhorchen: Die 7-Tage-Inzidenzwerte lagen am Freitag (10. September) bei 21,6 in Tschechien*, in Polen* bei gerade einmal 7,1 und in der Slowakei bei 38,1. Damit lagen die Staaten weit hinter Ländern wie Großbritannien (194,6), Frankreich (119,3) oder auch Deutschland (83,8).

Eine Erklärung dafür ist nur schwer zu finden. An den Impfungen kann es kaum liegen. Estland, Lettland und Bulgarien etwa zählen zu den Ländern mit den europaweit geringsten Impfquoten. Nur 41,81 Prozent der Letten hatten sich impfen lassen, in Estland waren es zum Stichtag 42,37 Prozent. In Polen sind 50,30 Prozent der Bürger vollständig geimpft. In Tschechien liegt der Wert bei 54,22 Prozent und in Litauen bei 57,74 Prozent.

Corona in Osteuropa: Niedrige Impfquoten im Baltikum - Expertin vermutet großen Einfluss aus Russland

Aleksandra Kuczyńska-Zonik, Baltikumexpertin und Analystin am Institute of Central Europe, sieht für die niedrigen Impfquoten gerade in Lettland und Estland mehrere mögliche Erklärungen. Anfang dieses Jahres, als mit dem Impfen in Lettland begonnen wurde, gab es ausgesprochen wenige verfügbare Impfdosen. Die Menschen, die sich unbedingt impfen lassen wollten, hätten also frühzeitig begonnen, nach Impf-Möglichkeiten zu suchen, die anderen blieben gleichzeitig passiv. In beiden Ländern sind Corona-Kritiker und Impfgegner besonders aktiv. Schließlich haben sowohl Lettland als auch Estland einen besonders hohen Anteil an Menschen, die sich als Russen verstehen und russische Medien konsumieren. „In Estland ist dieser Anteil besonders hoch und reicht bis an die 30 Prozent. Diese Gruppe lässt sich von den russischen Medien in Bezug auf die Impfskepsis beeinflussen”, sagt Kuczyńska-Zonik Merkur.de.

Die Regierungen in den baltischen Staaten wollen gleichwohl aktiv dafür sorgen, dass sich mehr Menschen impfen lassen. In Litauen werden ab Mitte September für Ungeimpfte umfangreiche Einschränkungen eingeführt. Nicht geimpfte Personen dürfen keine Schönheitssalons, gastronomische Einrichtungen und größere Freizeiteinrichtungen besuchen. Die litauische Regierung wollte ursprünglich Ungeimpfte sogar aus dem ÖPNV ausschließen - was aber nach heftigen Protesten wieder verworfen wurde.

Polen freut sich über niedrige Corona-Inzidenz - dank Kurswechsel im Sommer?

Die niedrigen Inzidenzwerte in Polen bleiben aber auch für Experten ein Rätsel. Ein möglicher Ansatzpunkt aber: Im Gegensatz zum Sommer 2020 wurde viele Vorsichtsmaßnahmen auch bei extrem niedrigen Infektionszahlen beibehalten. Zu diesen gehören Maskenpflicht in geschlossenen Räumen und Vermeidung von großen Menschenansammlungen sowie Kontrollen bei der Einreise. Wer nach Polen einreisen will, muss entweder geimpft, getestet oder genesen sein. Anderenfalls muss die einreisende Person in die Quarantäne.

Unterdessen hat am 1. September der reguläre Schulbetrieb wieder begonnen. Das polnische Bildungsministerium betonte, dieses Mal sei man besser auf die nächste Pandemiewelle vorbereitet. Bildungsminister Przemysław Czarek verwies darauf, dass fast 80 Prozent der Lehrer geimpft sind und man versuchen werde, so lange wie möglich den normalen Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Das Gesundheitsministerium befürchtet aber, dass ab Mitte September die Epidemie deutlich an Fahrt gewinnen wird.

Corona-Pandemie: Tschechien und Polen traf es im letzten Herbst besonders hart

Tschechien wurde im Herbst 2020 besonders hart von Corona getroffen. Experten gehen davon aus, dass 16 Prozent der Bevölkerung, etwa 1,7 Millionen Menschen, an Covid-19 erkrankt waren.

Gut in Erinnerung sind noch die tragischen Bilder aus eilig umfunktionierten Turnhallen: Es mangelte an Krankenhausbetten für Coronakranke. In der besonders schlimmen Phase Ende November 2020 half auch Deutschland dem pandemiegeplagten Land mit Ärzten und Ausrüstung. Zum jetzigen Zeitpunkt bemüht man sich auch in Tschechien, die Anzahl der vollständig Geimpften zu erhöhen. Im Fokus steht hier die Minderheit der Roma, die sich seltener als die die übrige Bevölkerung impfen lässt.

Corona-Welle im Anrollen? In Tschechien steigen die Zahlen schon seit Sommer - Minister appelliert

Das Ansteigen der Corona-Infektionszahlen hat in Tschechien im Gegensatz zu Polen aber bereits Anfang des Sommers eingesetzt, circa ab Ende Juni, Anfang Juli. Bei den Infizierten handelte es sich überwiegend um junge und ungeimpfte Personen und Menschen in den größeren Städten wie Prag und Pilsen. Besonders auffällig sind die hohen Infektionsraten bei sehr jungen Menschen zwischen 16 und 20 Jahren. Gesundheitsminister Adam Vojtiech empfahl Clubs und Diskotheken verstärkte Kontrollen der Impfbescheinigungen und der negativen Testergebnisse.

Auch in der Slowakei hat der Anstieg der Zahlen, wenn auch erst einmal auf einem niedrigen Niveau, bereits begonnen. Wie in den meisten anderen Staaten wird auch dort versucht, mehr Menschen von den Vorteilen einer Impfung zu überzeugen. Mit dem Schulbeginn steht auch hier die Gruppe der 12- bis 18-Jährigen im Fokus. (af) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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