Auszeichnungen

Gegen kaputte Systeme - Alternative Nobelpreisträger gekürt

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Die von Right Livelihood herausgegebene Aufnahme zeigt Oleksandra Matviichuk vom Zentrum für bürgerliche Freiheiten (CCL).

Aktivistinnen und Organisationen werden geehrt, die es mit nicht funktionierenden Gesellschaftssystemen aufnehmen. Eine Preisträgerin aus der Ukraine hat eine klare Botschaft an Putin.

Stockholm - Der als Alternativer Nobelpreis bekannte Right Livelihood Award geht in diesem Jahr nach Somalia, Venezuela, Uganda und erstmals auch in die Ukraine. Die in Kiew ansässige Menschenrechtsaktivistin Olexandra Matwijtschuk und ihr Center for Civil Liberties (CCL) zählen zu den diesjährigen Preisträgern, wie die Right-Livelihood-Stiftung am Donnerstag in Stockholm bekanntgab. Außerdem werden die somalischen Menschenrechtsaktivistinnen Fartuun Adan und Ilwad Elman, das venezolanische Kollektiv Cecosesola und das Africa Institute for Energy Governance (Afiego) aus Uganda mit dem geehrt.

Die Preisträgerinnen und Preisträger 2022 zeigten, dass Systemwechsel nicht nur möglich, sondern auch absolut nötig sei, sagte Stiftungsdirektor Ole von Uexküll bei der Bekanntgabe im Zentrum von Stockholm. Alle von ihnen hätten neue Modelle gesellschaftlichen Miteinanders geschaffen, die den Status quo herausforderten.

Auszeichnung für „praktische Visionäre“

Die Welt begegne heute Krisen, die von autoritären Regierungen, Aggressionen, ausbeutenden Wirtschaftssystemen und politischer Trägheit im Kampf gegen einen drohenden Klimazusammenbruch herstammten, sagte von Uexküll. „Die praktischen Visionäre, die wir heute auszeichnen, stellen sich eine bessere Welt vor und arbeiten unermüdlich daran, sie Wirklichkeit werden zu lassen.“ Der Preis solle Menschen in aller Welt demonstrieren, dass jeder die Macht habe, Veränderungen zu bewirken.

Mit dem seit 1980 verliehenen Right Livelihood Award werden alljährlich kurz vor den Nobelpreis-Bekanntgaben Persönlichkeiten und Organisationen geehrt, die sich mutig und entschlossen den größten Problemen der Welt entgegenstellen. Dazu zählt die Stiftung vor allem den Kampf für Menschenrechte und Frieden sowie gegen die Klimakrise und Umweltprobleme. Die Auszeichnung, die am 30. November in Stockholm überreicht wird, steht dabei in kritischer Distanz zu den eigentlichen Nobelpreisen, deren diesjährige Preisträger ab Montag in Stockholm und Oslo verkündet werden.

Zu den früheren Right-Livelihood-Preisträgern zählen die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, der US-Whistleblower Edward Snowden und die aus Stockholm stammende Klimaaktivistin Greta Thunberg. Meist ehrt die Preisjury aber international eher unbekannte Persönlichkeiten und Organisationen, um ihnen größere Aufmerksamkeit zu verschaffen - dieser Tradition bleibt sie auch diesmal treu.

Erstmals geht ein Preis in die Ukraine

Matwijtschuk zähle zu den bekanntesten Verteidigerinnen von Menschenrechten in der Ukraine, betonte von Uexküll jedoch. Sie und das Center for Civil Liberties, deren Vorsitzende sie ist, werden für den Aufbau nachhaltiger demokratischer Institutionen in ihrem Land und auch dafür gewürdigt, Wege zu öffnen, damit Kriegsverbrechen strafrechtlich verfolgt werden können. Erstmals geht der Preis damit an Akteure in der Ukraine - zuvor haben ihn bereits Menschen und Organisationen aus mehr als 70 anderen Ländern erhalten.

In einem Online-Gespräch mit Journalisten berichtete Matwijtschuk nach der Bekanntgabe davon, dass man in ihrem Land in den vergangenen sieben Monaten russischer Aggressionen rund 19.000 Vorfälle von Kriegsverbrechen dokumentiert habe, darunter Folter und Angriffe auf Schulen und Krankenhäuser. Für sie steht außer Frage, dass Russlands Präsident Wladimir Putin dafür eines Tages strafrechtlich verfolgt werden wird. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass er das wird“, sagte sie. Dies möge zwar naiv klingen. „Aber die Geschichte hat gezeigt, dass autoritäre Regime zusammengebrochen sind und ihre Führer früher oder später in Gerichtsprozessen erschienen sind.“

Die Somalierin Fartuun Adan und ihre Tochter Ilwad Elman werden für ihren Einsatz für Frieden, Entmilitarisierung und Menschenrechte in ihrem ostafrikanischen Heimatland geehrt. Das Kollektiv Cecosesola setzt sich in Venezuela für eine gerechtere Alternative zu profitorientierten Wirtschaftsmodellen ein, während das Afiego in Uganda für Klimagerechtigkeit und die Rechte derjenigen einsteht, die bei Energieprojekten in dem afrikanischen Land ausgebeutet werden.

Ilwad Elman (l) und Fartuun Adan sind somalische Menschenrechtsverteidigerinnen, die gemeindenahe Projekte zur Friedenskonsolidierung leiten.

Dabei unterstützt Afiego insbesondere arme Gemeinden im Kampf gegen Enteignung und Umweltzerstörung bei der Öl- und Gasförderung – selbst gegen schwere Schikane durch die Regierung. „Manchmal fühlt man sich dabei völlig erschöpft“, teilte Afiego-Leiter Dickens Kamugisha der Deutschen Presse-Agentur mit. Die Anerkennung etwa durch den Right Livelihood Award sei eine Inspiration, die Arbeit entgegen aller Gefahren noch auszuweiten. „Es ist der Beweis dafür, dass wir nicht allein in unserem Kampf für die Würde derjenigen sind, die keine Stimme haben und die an den Rändern der Gesellschaft in unserem Land leben“, so Kamugisha weiter. dpa

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