Ukraine-Krieg

Geheimes Treffen im Kreml: Putin empfing 37 Oligarchen am Tag des Kriegsausbruchs

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Zu Beginn des Ukraine-Kriegs hat Wladimir Putin rund Dreidutzend Oligarchen in den Kreml eingeladen. (Archivfoto)
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Als der Ukraine-Krieg beginnt, spricht Putin mit den Russlands Oligarchen – auch über drohende Sanktionen. Doch deren Vermögen ist längst im Ausland geparkt.

Moskau – Am 24. Februar, dem Tag als Wladimir Putin den Überfall auf die Ukraine befahl, berief der russische Präsident eine Gruppe der reichsten Geschäftsleute des Landes in den Kreml. Laut mehreren Nachrichtenagenturen bezeichnete Putin den Einmarsch in das Nachbarland als „notwendige Maßnahme“. Bereits mit den Wirtschaftssanktionen aus dem Westen rechnend, soll das Staatsoberhaupt erklärt haben, alle Beteiligten „verstehen die Welt, in der wir leben“.

Bei den Eingeladen handelt es sich um wichtige Stütze der russischen Wirtschaft, darunter vierzehn Milliardäre. Sie alle stammen aus den russischen Schlüsselindustrien: Öl, Gas, Banken und Chemie. Trotz ihrer Verbindungen zu Putin und ihrem Status in Russland, verlagerten viele Oligarchen ihr Vermögen bereits seit Jahren ins Ausland. Dies zeigen Dokumente, die der US-amerikanischen Tageszeitung The Washington Post vorliegen.

Demnach kooperieren mehr als die Hälfte der 37 Teilnehmenden direkt oder über einen nahen Verwandten mit Offshore-Firmen, die Transaktionen im Wert von Hunderten von Millionen Dollar abwickelten, Investitionen tätigten und Kredite vergaben. Die Aufstellung der Washington Post stützt sich auf den Inhalt der Pandora Papers und der Paradise Paper – zwei Konvolute, die unter anderem Steuertricks ranghoher Politikerinnen und Politiker aufzeigen.

Russland: Putin duldete massiven Geldabfluss jahrelang – und soll sich bereichert haben

Eigentlich hat Wladimir Putin jahrelang öffentlich gegen die „Offshorisierung“ gekämpft und Steuervermeidung sowie Geldwäsche öffentlich angeprangert. Gleichzeitig wird seit Jahren berichtet, dass Putin selbst sich ähnlichen Finanztricks bedient und die Machenschaften der Oligarchen nicht nur duldet, sondern sich sogar an ihnen bereichert. So behauptete etwa der russische Oppositionelle Alexej Nawalny, der inzwischen in Haft sitzt, dass der Präsident einen Luxuspalast an der Schwarzmeerküste besitze.

„Putin erlaubt es seinem engsten Kreis, die finanziellen Ressourcen staatlicher Unternehmen und des Staates selbst anzuzapfen“, sagte Julia Friedlander, ehemalige CIA-Analystin und leitende politische Beraterin des US-Finanzministeriums, gegenüber der Washington Post. „Das Geld landet oft im Ausland“.

Daher wurden die drohenden Wirtschaftssanktionen gegen Russland und Putins Verbündete an jenem Tag zweifelsohne thematisiert. Mit Ausnahme von zwei Geschäftsleuten, die an dem Treffen im Kreml teilnahmen, sind inzwischen alle Teilnehmenden von den Maßnahmen betroffen, die von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und der Europäischen Union infolge des Ukraine-Konflikts verhängt wurden.

Putin spricht mit Russlands Oligarchen: Das Vermögen ist längst im Ausland

Insgesamt bis zu einer Billion Dollar an russischem Vermögen sind Wirtschaftsstudien zufolge in Offshore-Firmen gelagert – ein erheblicher Teil der russischen Wirtschaft. Weiter wird davon ausgegangen, dass die reichsten Menschen Russlands im Ausland so viel Finanzvermögen haben wie die gesamte Bevölkerung im eigenen Land. Gleich mehrere Namen tauchen in den Dokumenten auf, darunter etwa Wagit Alekperow.

Alekperow ist ehemaliger Präsident des Energieunternehmens Lukoil, welches unter anderem mit mehr als 230 Tankstellen in den Vereinigten Staaten Gewinne erzielt. Nachdem Großbritannien Sanktionen gegen ihn erhoben hatte, trat Wagit Alekperow von seinem Posten zurück. Sein Vermögen wird indes von Offshore-Firmen verwaltet: So investierte die ihm gehörende Gesellschaft Topaz Opportunities Ltd. auf den Britischen Jungferninseln rund 130 Millionen Dollar. Weiter wurden zwei Darlehen in Höhe von 237 Millionen Dollar an ein anderes Unternehmen auf den Inseln vergeben.

Ein weiterer Name ist Andrej Akimow, Vorsitzender der Gazprombank, der drittgrößten Bank in Russland. Den Dokumenten nach soll Akimow Eigentümer von mindestens acht auf den britischen Jungferninseln gegründeten Unternehmen gewesen sein. Darunter eine Firma mit Vermögenswerten in Höhe von circa 360 Millionen Dollar. Weder Andrej Akimow noch Wagit Alekperow reagierten auf eine Anfrage der Washington Post. Sie sind nur zwei der Oligarchen, denen massiver Geldabfluss und Steuerhinterziehung unterstellt wird.

US-Abgeordneter: „Haben den roten Teppich für Putin-Kumpanen ausgerollt“

Im Laufe der Jahre hat sich Wladimir Putin regelmäßig mit wohlhabenden russischen Geschäftsleuten getroffen, darunter auch mit denen, die er am Tag der Invasion versammelte. Etwa „50 wohlhabende russische Geschäftsleute [...] treffen sich regelmäßig mit Putin im Kreml“, sagte der Oligarch Pjotr Awen gegenüber den US-Ermittlern rundum den FBI-Agenten Robert S. Mueller im Rahmen der Untersuchung der russischen Manipulation der US-Wahl 2016.

Mehrere der Teilnehmenden des Treffens am 24. Februar profitierten von der Privatisierung staatlicher Vermögenswerte, die schon mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion begann. Andere Oligarchen, die ebenfalls im Kreml zugegen waren, sind erst in jüngerer Zeit bekannt geworden und kommen aus der Technologiebranche und anderen Bereichen. Bei einigen soll es sich um Verwandte von Regierungsbeamten handeln.

„Wir haben die Korruption und die Menschenrechtsverletzungen in Russland angeprangert, aber wir haben den roten Teppich für die Putin-Kumpanen ausgerollt, die von der Korruption und den Verstößen profitieren“, sagte der demokratische US-Abgeordnete Tom Malinowski der Washington Post. „Das Offshore-Finanzsystem hat es Putin und seinen Kumpane ermöglicht, den Reichtum zu schützen, die aus dem gesetzlosen Land gestohlen haben, das sie geschaffen haben.“ (nak)

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